Realitätsverlust – Gefangen in der „Welt der Kriegskunst“

Der arbeitslose, 28 jährige Marcel (Name von der Redaktion geändert) ist abhängig. Seine Sucht: Das Onlinespiel „World of Warcraft Classic“.

Marcel lebt von Hartz4, er hat keine Ausbildung und kümmert sich auch nicht um einen Arbeitsplatz. Jede freie Minute verbringt er mit seinem Zwergen-Paladin Kuronagi in „WoW – Classic“ und hängt am Computer wie Drogensüchtige an der Spritze. Er feiert dort Erfolge, virtuelle Erfolge, Erfolge die ihm in der realen Welt verwehrt bleiben. Für viele Jugendliche und junge Erwachsene sind Spiele wie WoW ein Ersatz für für eine unzureichend, unbefriedigende Realität.

Marcel ist kein Einzelfall; Jeder fünfte männliche WoW-Gamer im Alter von 15 Jahren ist einer Studie nach abhängig oder zumindest abhängigkeitsgefährdet. Psychologen und Experten warnten bereits vor Jahren, das Onlinespiele wie World of Warcraft ein enormes Suchtpotential haben. Experten schätzen, dass alleine in Deutschland etwa 1,5 Millionen Menschen an Computerspielsucht leiden. In der Öffentlichkeit ist dieses Problem allerdings bis heute nicht wirklich angekommen. Immer noch wird Computerspielsucht nicht ernst genommen und nur selten thematisiert.

Der Entwickler Blizzard hat mit dem Spiel World of Warcraft gute Arbeit geleistet und eine Welt geschaffen, in der man förmlich versinken kann. Dadurch ist der Gedanke, sie gegen die Realität einzutauschen, sehr verlockend. Vor allem dort, wo die Realität nicht so aussieht, wie man sie gerne hätte.

Am Beispiel von Marcel lässt sich die verheerende Veränderung des Charakters eines WoW-Abhängigen erkennen. Er nimmt das Spiel sehr ernst, ernster als das echte Leben, Spielerfolge werden realen Erfolgen gleichgesetzt, sogar über diese gestellt. Auch sein Sozialverhalten liegt deutlich unter dem Standard: Gelegenheitsspieler, die weniger Zeit im Spiel verbringen, da sie Familie haben und / oder einer Beschäftigung nachgehen, sind in seinem Augen Abschaum. Das diese mit ihrem Steuergeldern seine Sucht finanzieren, realisiert er gar nicht mehr, ebenso wenig, das er gar nicht der „tolle coole Typ“ ist, als den er sich selbst wahrnimmt, der im echten Leben nichts erreicht hat, und auch nichts erreichen wird, solange er seine Sucht nicht unter Kontrolle bekommt.